Pflanzenlust-Blog

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Hab acht!

Eingetragen am | 17. April 2010 | 6 Kommentare

Wieder eine Geschichte für Donnas Schreibprojekt.

Viel Zeit blieb nicht mehr. Schon in wenigen Stunden…

… würde es einen Höllenlärm geben. Doch noch herrschte tiefe Stille – eine fast unheimliche Stille, in der man das Gras wachsen hört. Das Heer stand in Reih und Glied, in grüner Uniform, regungslos. Vom Himmel brannte die Sonne, am Horizont segelten ein paar Wölkchen vorbei, kein Windhauch war zu spüren. Jedes normale Geschöpf hätte sich gerne in den Schatten zurückgezogen, sich an den Teichrand gesetzt. Lechzend nach Kühle und Erfrischung. Die Armee der grünen Helden jedoch hielt stand – was blieb auch anderes übrig. Ohne Laut, schwitzend und dürstend, in angespannter Erwartung.
Prachtvoll präsentierte sich die elitäre Schar. Ein jeder schlank und elegant, mit durchgebogenem Rückgrat, das Haupt stolz erhoben. Frisch aufpoliert die einheitlichen Gewänder, ohne das geringste Stäubchen auf glänzender Oberfläche. Hitze und Trockenheit machten ihnen nichts aus. Keiner wagte, auch nur ein Härchen zu bewegen, ja nicht einmal zu Luft zu holen. Zumindest konnte man keine Atemzüge wahrnehmen, geschweige denn ein Schnauben oder Röcheln vernehmen. Scharfe Zucht und Ordnung hatte die Kompanien streng diszipliniert. Kein Feldwebel, nicht einmal der General musste seine Stimme erheben. Alles im grünen Bereich.
Plötzlich aber begann einer der Uniformträger sich eine Winzigkeit zu recken. Sein Nachbar tat es ihm nach, dann der nächste in der Reihe dahinter, bald wieder ein paar mehr und schließlich alle anderen auch. Ein unterschwelliges Gemurmel zog zwischen den Uniformierten hindurch, in einer nur von feinsten Ohren wahrnehmbaren Tonlage. Die Truppen schienen Ausschau zu halten: Wann passierte es? Schließlich war die Zeit bereits merklich vorangeschritten, die Sonne hatte ihren Zenit lange überschritten, die Wolken am Horizont waren grau und dichter geworden, in der Ferne brachte die Luftströmung bereits Baumkronen in sachtes Schwingen. Drückende Schwüle hüllte das Heer ein, erstickte jegliches Geräusch.
Da brach das Getöse los. Es begann mit einem Surren, als würde ein Seil durch eine Öse gezogen. In einem Crescendo steigerten sich Knattern und Fauchen  in ohrenbetäubendes Dröhnen. Die Bataillone standen erstarrt. Ein Schauer des Schreckens schien über die Soldaten zu laufen, als würden sie der Reihe nach die Köpfe ein wenig ducken. Doch mutig stellten sie sich dem krachenden Angriff. Der Himmel verdüsterte sich, bleigraue Wolken schoben sich vor die tief stehende Sonne. Ein heftiger Windstoß fegte Staub zwischen den Uniformbrigaden hindurch.
Das teuflische Röhren rückte immer näher. Es versetzte die Luft in heftige Wirbel, unter deren Gewalt die ersten grünen Reihen ins Wanken gerieten und sich schützend bis zur Erde beugten. Doch alles half nichts. Mit übermächtiger Gewalt brach die Katastrophe über die Armee herein. Unaufhaltsam rotierte das Brüllen über das  Schlachtfeld hinweg und fällte den grünen Recken Kopf um Kopf. Abrupt erstarb der Krach, die Himmelsgewalten übernahmen. Es blitzte und donnerte, schwere Tropfen fielen aus dem schwarzen Himmel auf abgeschlagene Glieder, Sturmböen peitschten Uniformreste hinfort. Innerhalb weniger Minuten war alles vorbei.
Hinter der schwarzvioletten Wolkenmauer brach ein Strahl der Abendsonne hervor. Das sanfte Licht fiel auf eine Rasenfläche, die gerade noch rechtzeitig vor dem Sommergewitter gemäht worden war. Die scharfen Messer des turbostarken Mähers hatten alles auf exakt gleiche Länge eingekürzt. Die Allmacht des Gärtners hatte über die Natur gesiegt.
Tatsächlich? Mitten im uniformen Meer der Halme hob erfrischt ein kleines Gänseblümchen sein Haupt, an seinem weißen Strahlenkranz funkelte in allen Farben des Regenbogens ein Tropfen. Es hatte sich erfolgreich zwischen die aufrechten Spaliere der Gräser geduckt.

Gaensebluemchen 2

Kommentare

6 Antworten auf “Hab acht!”

  1. Follygirl
    17. April 2010 um 12:32

    Auf Deine Geschichte habe ich wieder besonders gewartet… und wurde nicht enttäuscht!
    Genauso hatte ich mir das Gemetzel schon immer vorgestellt… deshalb kann bei uns fast alles so gedeihen wie es will.
    Liebe Grüße, Petra

  2. Eva
    17. April 2010 um 12:54

    Wow, super Geschichte!

    Ich dachte an alles Mögliche, was da kommen könnte.

    Ganz toll beschrieben!

    Danke!

  3. Donna
    17. April 2010 um 13:52

    Einfach nur schön erzählt!

    Liebe Grüße – Donna

  4. Karin
    17. April 2010 um 15:58

    Wundervoll, wie gewohnt. Danke Karin. Alles Liebe von Karin

  5. Himmelhoch
    18. April 2010 um 02:02

    Du bist deinem Blog-Namen treu geblieben, deswegen dachte ich bei der „grünen Armee“ sofort an eine saftige Wiese. Schön, dass sich das Gänseblümchen retten konnte.
    Clara

  6. renate
    21. April 2010 um 09:24

    Eine ganz zauberhafte Geschichte, liebe Karin.

    Herzliche Grüße – von Renate

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